Bayern

Götterdämmerung – bayerische Schlössertour

… zum 125. Todestag des Märchenkönigs

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Wasserspiele auf Schloss Herrenchiemsee während der Landesausstellung 2011

Neuschwanstein und Hohenschwangau mit ihren vielen Türmchen und Erkern sehen aus, als wären sie einem Märchenbuch entsprungen. Auch Walt Disney wurde auf das Märchenschloss aufmerksam und hat Neuschwanstein als Vorbild für sein Cinderella-Schloss in Disneyland verwendet.

Beide Schlösser haben mit dem bayerischen Märchenkönig zu tun. Ihr kennt ihn ganz bestimmt, es ist König Ludwig der II.

Hohenschwangau ist die Sommerresidenz der Eltern in welchem er aufgewachsen ist, Neuschwanstein hingegen stellt seinen persönlichen, fast wahr gewordenen Traum dar.

Leider konnte er diesen nicht ganz verwirklichen, denn die Riesen Pleite der Bayerischen Monarchie, welche wohl indirekt auch zu seinem Tod geführt hat, kam dazwischen.

Ende eines schönen Traums auch für uns in diesem verhängnisvollen Jahr. Die Landesausstellung unter der Bezeichnung Götterdämmerung wollten auch wir uns nicht entgehen lassen. Am 13. Juni 2011 sind auch wir zur Ausstellung nach Herrenchiemsee und ein paar Tage später am 17. Juni haben wir auch Neuschwanstein und Hohenschwangau besucht.

Herrenchiemsee …

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… auch als klein Versailles bezeichnet, weil es dem Schloss des französischen Sonnenkönigs (Ludwig XIV)
in kleinerer Version nachgebaut, aber nie fertiggestellt wurde

Um 10 Uhr 30 begann die erste Tour. Ganze 35 Minuten soll sie dauern. Ich freute mich wirklich das Schloss nach so langer Zeit wieder zu sehen. Mehrfach habe ich das Schloss im Laufe der Jahre besichtigt. Jedes Mal ein anderer Guide, andere Geschichten, andere Fragen von Besuchern. Das letzte Mal ist mindestens 10 Jahre her. Welche neuen Geschichten wird es wohl in diesem ganz besonderen Jahr geben? Welche neuen Erkenntnisse wurden ausgegraben? Am 13. Juni, jährte sich zum 125. Mal der Todestag. Kommt dieser mit einer weiteren Spekulation oder gibt es die eine oder andere Enthüllung zu seinem bis heute mysteriösen und umstrittenen Tod!

Die Führung durch klein Versailles war leider auf ein Minimum beschränkt. Für jeden Raum mussten ein paar kurze Sätze reichen. Aus früheren Führungen wusste ich bereits mehr, als unsere diesjährige ErzählDame (denn als Reiseleiterin konnte man sie wirklich nicht bezeichnen) preisgegeben hat. Ein auswendig gelernter Text, emotionslos einfach runtergeleiert. Fragen hat sie nur mit äußerst knappen Worten beantwortet und uns schon in den nächsten Raum geschickt – die nächste Gruppe wäre schon zu knapp hinter uns. Besonders schwer fiel es ihr einem Witz zu folgen oder ein Lächeln auf ihre Lippen zu bekommen. Auf Herrenchiemsee wurde man in einem äußerst penibel eingehaltenen Zeitlimit einfach durchgeschleust. Ich hatte schon den Eindruck, dass die ErzählMenschen (ich weigere mich einfach sie als Reiseführer zu bezeichnen) nur für eine bestimmte Anzahl an Worten bezahlt werden. Alles was darüber hinausgeht ist freiwillig und nicht gut fürs Geschäft? Die nächste Tour steht schon im Startloch.

Vergeblich haben wir darauf gewartet, dass man mit ein paar Sätzen oder auch nur mit einem Wort, auf den Todestag von König Ludwig II eingeht, vielleicht eine kleine interessante Geschichte rund um den Märchenkönig die man ausgegraben hat und dies als besonderen Leckerbissen präsentiert. Leider blieb es nur ein Traum, genau wie der unvollendete Traum König Ludwigs II.

Bei der Landesausstellung auf Herrenchiemsee gab es keine Antworten, aber auch keine neuen Spekulationen. Dort wurde die Menge einfach so durchgelassen. Es gab zwar Führungen, aber die Gruppen versuchten sich ihren Weg auch nur durch die kreuz und quer umherirrenden anderen Besucher zu bahnen, um wenigstens ein bisschen von den Erläuterungen der ErzählMenschen mitzubekommen.

Danach ging’s zur Sonderausstellung. Dort entschieden wir uns für die persönliche Variante, im eigenen Rhythmus durchgehen und lesen, lesen, lesen. Es war bestimmt nicht die beste Lösung. Aber gab es hier überhaupt eine Lösung, die was brachte?

Die Transparente mit den Inhalten waren zwar alle in zwei Sprachen, welche ich beide bestens beherrsche, aber lesen konnte man keine richtig. Sie waren so riesig, dass man etwas zurücktreten musste, weil sie nur aus einem bestimmten Abstand zu lesen waren. Leider schaffte man es selten den richtigen Abstand dazu zu finden. Entweder wurde man durch eine Wand daran gehindert ausreichend Abstand zum Text zu bekommen oder wenn man den richtigen Abstand erreicht hat um das Transparent richtig im Auge zu haben, dann marschierten im Sekundentakt andere Besucher zwischen dir und dem Text. Hat man es dennoch geschafft bei einem Satz bis zum Ende zu kommen, dann war der Anfang bereits vergessen.

Was ich tatsächlich gesehen habe? Vieles und nichts. Ich hoffte mit neuen Erkenntnissen Herrenchiemsee zu verlassen, etwas für mich bisher Unbekanntes  zum Thema „Kini“ zu erfahren. Leider ohne Erfolg.

125 Jahre ist doch ein besonderer Todestag … oder etwa nicht?

Hohenschwangau

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Die Sommerresidenz der Eltern von Ludwig II. Hier hat der Märchenkönig seine Kindheit verbracht.

Nach unserem Einlass – natürlich alles vollautomatisch mit Barcode auf der Eintrittskarte – wurden wir in einen Warteraum geschleust, wo wir standesgemäß auf königlichem Mobiliar Platz nehmen durften, zumindest ein Teil der Wartenden. Dann leuchtet endlich die 130 auf, die von uns gebuchte Tour startet. Unser Schlossführer kannte sich historisch sehr gut aus, er brachte bayerischen Humor mit und hatte auch immer wieder Vergleiche zu damals und heute zu bieten. Rundum eigentlich keine schlechte Führung wenn da nicht die riesige Gruppe gewesen wäre.

Oft musste sich die Gruppe auf zwei Räume aufteilen. Die im hinteren Teil kamen in jeder Hinsicht zu kurz und die die ganz vorne waren, wurden immer wieder von der nachkommenden Meute gerempelt und geschubst. Bitte nicht berühren bekam so einen ganz neuen Status. Versuch dich so fest wie möglich auf den Beinen zu halten und lass dich ja nicht in Richtung eines Exponats auf dem Tisch, eines Möbelstücks im Raum oder an die Wand schubsen. Das wird wohl auch die Bayerische Schlösserverwaltung erkannt haben. So wanderten viele Exponate unter Glas oder Hartplastikhüllen und mindestens doppelt so viele Absperrungen wie beim letzten Besuch erschwerten den Durchgang zusätzlich. Da nützt auch ein guter Reiseführer nichts, wenn er die Leute immer schneller durchlotsen muss, weil die nächste Gruppe uns stets auf den Fersen war. Immerhin hat er sich für Fragen am Ende der Führung bereit erklärt und auch jede einzelne geduldig und fachmännisch beantwortet. Viele Fragen die wir gerne vor Ort gestellt hätten, mussten auf das Ende der Führung warten, aber da hatten wir sie entweder vergessen oder sie waren wie die Antworten aus dem Kontext gerissen. So war auch dieses Schloss eine ziemliche Enttäuschung in diesem ganz besonderen Jahr.

Neuschwanstein

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Ein fast wahrgewordener Traum, wäre da nicht die Staatspleite und sein Tod dazwischengekommen.

Da wir das Königsticket gebucht hatten, stand nun auch Neuschwanstein auf dem Programm. DAS Märchenschloss schlechthin. Walt Disney wusste das und Myriaden von Japanern und Chinesen auch. Das Verhältnis liegt bei etwa 9:1 (um es nochmals zu spezifizieren auf 9 Japaner und Chinesen, kam ein Europäer oder Amerikaner).

Japanisch ist eine äußerst harte Sprache und jedes Wort klingt wie ein Befehl. Da kamen meistens die Männer zu Wort. Bei den Chinesen war es umgekehrt. Da schnatterten sich die Frauen ihren Mund fusselig. Eine derartige Frau kann dich in den Wahnsinn treiben, wenn sie hinter, neben oder vor dir eine schrille Tirade von unverständlichen Lauten von sich gibt so als würde eine Person mit Hasenscharte versuchen etwas Verständliches zu artikulieren. Dabei verzieht sie noch das Gesicht entsprechend der vielen unterschiedlichen Selbstlaute, allein und untereinander kombiniert. Mitlaute scheint es in dieser Sprache nicht zu geben.

Dann ging’s endlich durch das Schloss. Hier war es Tour 495. Der Rundgang im Schloss selber war das reinste Chaos. Ich kann nicht einmal mehr sagen in welchem Raum die Führung begann, aber dann ging’s so rasant vorwärts, dass wir ständig mit anderen Gruppen irgendwie im Gehege waren. Überall waren Absperrungen, welche nicht nur den Zugang zu den Artefakten und Exponaten verhindern sollten, sondern auch die einzelnen Gruppen irgendwie voneinander trennten. Wie genau weiß keiner. So kam es nicht selten vor, dass gleichzeitig eine Gruppe in einen Raum ging, die andere verließ ihn durch den gleichen Eingang auf der anderen Seite der Absperrung, während die dritte Gruppe sich im Raum befand und ihre paar äußerst informativen Sätze zu diesem Zimmer bekam, sofern man nahe genug an den Reiseführer ran konnte, um seine Worte zu verstehen. Es waren niemals mehr als 5 Sätze, meistens jedoch weniger pro Raum.

Die Reiseführer sagten zwar immer wieder, dass sie für Fragen am Ende des Rundgangs zur Verfügung stehen, aber was sollte man fragen? Die einzige Frage, die ich mir stellte: Wie schaffe ich es ohne Fremdeinwirkung durch das Schloss zu gehen, ohne schubsen, rempeln, treten und vor allem ohne diese unverständlichen Hasenscharten-Laute in einer Lautstärke, mit welcher man Tote hätte wecken können?

Da ich mir sicher war, auf diese Frage keine Antwort zu bekommen machten wir uns auf den Weg zur 15 Minuten entfernten Marienbrücke in der Hoffnung auf ein gutes Foto von der Gesamtansicht des Schlosses. Das Foto gelang und einige Panoramas auch.

Was dann aber folgte kann man nur als Invasion beschreiben. Innerhalb von nur wenigen Minuten waren wir wieder in absoluter Minderheit und das wieder bei diesem äußerst unfairen Verhältnis von etwa 9:1.

Wie viele Busse gleichzeitig ankamen weiß ich nicht, aber es sah aus, als hätten alle Busse die zur Brücke fahren nur lauthals schreiende und über alles trampelnde Gestalten auf 1000 m Höhe gebracht und sie alle gleichzeitig losgelassen. Innerhalb von Minuten war auch die Brücke besetzt. Wir wurden angerempelt, weggeschoben und wären wir nicht zur Seite gegangen bestimmt auch noch niedergetrampelt worden.

Gleich neben uns war eine Gruppe von 5 – 6 Personen, die alle auf ein Foto wollten, um später dann sagen zu können – wir waren hier. Aber wo waren sie denn wirklich? Auf dem Display sah man zwar die Köpfe, aber für das Schloss, das eigentliche Highlight der Reise, blieb kein Platz mehr. Ob die daheim noch wissen, wo die Aufnahme tatsächlich gemacht wurde, so ohne Schloss und Hintergrund? Vielleicht haben ja die Kameras integrierte GPS-Daten.

Ich kriegte immer mehr Platzangst und die Lautstärke mit der die befehlenden oder schrillen Laute auf uns eingingen, ließen mich panikartig erst die Brücke, dann auch das Gelände verlassen. Ich war schon soweit, dass ich diese unverständlichen Hasenscharten-Laute nachahmte und keine Rücksicht darauf nahm, ob vielleicht der eine oder andere Laut einen Sinn ergab, womöglich sogar ein Schimpfwort war. Letzteres hätte mir wahrscheinlich gut getan, aber ich konnte zumindest sagen: Einmal, auch wenn’s nur für die Länge eines Lautes war, war ich lauter als die Meute. Ich weiß zwar, dass sie überall sind und keine Rücksicht auf den Rest der Welt nehmen, aber dass sie wie Myriaden von Stechmücken auftreten und genauso rücksichtslos auf alles losgehen das nicht zu ihrer Gruppe gehört, war mir bisher entgangen.

Es gab so viele unterschiedliche Nationalitäten die friedlich und an der Geschichte interessiert umher wanderten, aber die einzigen beiden Rassen, die wie eine Stampede heranrückten und alles niedermachten, das ihnen in den Weg kam, waren die Japaner und Chinesen. Ob sie wohl vor Fukushima geflohen sind und nun uns überfallen? Vielleicht sind sie ja bereits radioaktiv verseucht und müssen alles im Schnelldurchlauf nachholen, weil ihnen sonst die Zeit davonläuft. Ich weiß es klingt bösartig und fies, aber wer schon mal von mehreren Bussen gleichzeitig überfallen wurde, wird mich wenigstens ein bisschen verstehen.

Drei Schlösser innerhalb von wenigen Tagen. Obwohl alle drei in Wirklichkeit wunderschön und romantisch sind, habe ich sie diesmal alle drei als herbe Enttäuschung empfunden. Konnte man früher noch in Träumen schwelgen von den Geschichten, die einem auf der Tour erzählt wurden, musste man heute nur noch aufpassen, dass man nicht niedergetrampelt wird.

Ein paar weiterführende Informationen

Landesausstellung 2011: Götterdämmerung

König Ludwig II. und seine Zeit (Neues Schloss Herrenchiemsee)

Einer der 570.000 Besucher der Landesausstellung schildert es trefflich in seinem Kommentar:

Keine gute Beschilderung. Chaotische Organisation. Für Laien zu “technisch”. Für „Ludwigkenner“ alte Hüte!

Es war viel zu viel zu Lesen, was durch die Menschenmassen erheblich beschwert wurde. Man konnte sich kaum auf die Ausstellung konzentrieren, war meistens nur am Ausweichen oder wenn man einen Platz fand, wo man stehen konnte ohne angerempelt zu werden, wurde einem der Blick auf das Wesentliche verwehrt. Und dafür hat man auch noch 9,50€ pro Person Eintritt bezahlt.

Die Idee, nicht fertiggestellte Räume des Schlosses auf Herrenchiemsee dazu zu nutzen, finde ich gut, aber die Enge hat die Ausstellung zur Tortur werden lassen und ich habe keine neuen Erkenntnisse mitgenommen.

Der „Kini“ – ein Mysterium für die Ewigkeit

125 Jahre, unzählige Bücher, Filme und Erinnerungsstücke – und doch bleibt König Ludwig II. von Bayern ein Rätsel. Noch heute betrauern seine Nachfahren den Bedeutungsverlust Bayerns in seiner Regentschaft.
Frankfurter Rundschau – Ralf Isermann am 10.06.2011

Der Tod des Kini: Es war ihm nicht zu helfen

Vor 125 Jahren starb Ludwig II. Doch wie kam es zu seinem Ende? Die sechs Tage von seiner Entmündigung bis zum Tod vor 125 Jahren.
Augsburger Allgemeine – Hans Krebs am 12.06.2011

Kategorien:Bayern, Deutschland, Europa

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